Niedriger Hämoglobinspiegel?

Frage
Ich (w, 39, 166 cm, 60 kg) laufe seit einigen Jahren. In den letzten beiden Jahren habe ich erfolgreich am Vienna-City Marathon teilgenommen (4:18:20) und lasse jährlich im Rahmen einer Gesundenuntersuchung meine Blut- und Eisenwerte kontrollieren. Mein derzeitiger Hb-Wert liegt mit 12,3 im unteren Bereich (Normwerte 12-16), mein Ferritinwert ist mit 41 sehr zufriedenstellend, auch das Serumeisen ist okay. Vor zwei Jahren lag mein Hb-Wert noch bei 13,5 und leztes Jahr bei 12,7. Warum ist mein Hb-Wert bei gefüllten Eisenspeichern nicht höher (Erythrozyten im Normbereich)? Beeinflusst mein niedriger Hb-Wert die Ausdauerleistungen negativ (bin zuletzt einen zufriedenstellenden Halbmarathon in 1:55:06 gelaufen)? Ich habe den Laufumfang nicht wesentlich erhöht (40-50 km/Woche), nur das Tempotraining habe ich in letzter Zeit etwas forciert. Fr. S. G.

Antwort von Dr. Andreas Dallamassl
Ihre mit der Zeit in den unteren Grenzbereich abgesunkene Hb-Konzentration (Hämoglobin = Blutfarbstoff der roten Blutkörperchen) ist Folge des Ausdauertrainings und somit auch Ausdruck einer gesteigerten Leistungsfähigkeit (vermehrtes Tempotraining in letzter Zeit). Als Langzeiteffekt kommt es durch regelmäßiges Training zu einer Vermehrung des Blutplasmavolumens (= flüssiger Bestandteil des Blutes) mit einer sich daraus ergebenden leichten Konzentrationsabnahme der Blutzellen und somit auch des Hämoglobins. Es ist richtig, dass es im Rahmen einer Anämie (z. B. bei Eisenmangel) auch zu einer Hb-Abnahme kommt. In diesem Fall kommt es aber neben anderen Blutbildveränderungen auch zu einer deutlichen Abnahme der Anzahl der Erythrozyten (= roten Blutkörperchen) mit entsprechender Abnahme der Leistungsfähigkeit, was bei Ihnen ausgeschlossen wurde. Somit ist Ihre leichte Hb-Abnahme als Folge des regelmäßigen Trainings anzusehen und sowohl gesundheitlich als auch die Leistungsfähigkeit betreffend, völlig unbedenklich. Die Sauerstofftransportkapazität, welche durch den Hämoglobingehalt beeinflusst wird, ist keineswegs beeinträchtigt, da die absolute Hämoglobinmenge durch das Ausdauertraining ja nicht vermindert, sondern meist sogar etwas erhöht ist. Hier ist auch der Unterschied zu einer echten Anämie zu sehen, bei der die absolute Hämoglobinmenge vermindert ist. Durch die trainingsbedingte "Verflüssigung" des Blutes kommt es hingegen zu einer verbesserten Fließeigenschaft des Blutes, was auch eine verbesserte Sauerstoff- und Nährstoffversorgung der Muskulatur und somit eine verbesserte Leistungsfähigkeit bewirkt. Eine starke Vermehrung der Erythrozyten mit entsprechender Erhöhung des Hämoglobingehaltes, wie es beispielsweise durch Doping mit Erythropoetin (EPO) erreicht wird, führt zwar auch zu einem verbesserten Sauerstofftransport. Durch die nicht entsprechende gleichzeitige Vermehrung des Plasmavolumens und der damit verbundenen Erhöhung der Blutviskosität ist jedoch das Blut deutlich dickflüssiger, wodurch die Gefahr für Verschlüsse im Gefäßsystem enorm ansteigt.


zurück »