Chronisches Erschöpfung – gibt´s das?

Frage
Ich (m, 22) war immer sehr sportlich, bis vor einem Jahr habe ich Triathlon wettkampfmässig betrieben. Im Oktober 1999 brach ich mir beim Bergablaufen das Sprunggelenk. In der Folge trug ich sechs Wochen Gips. Als ich mit dem Training wieder begann, hatte ich sofort Probleme mit beiden Knien (links allerdings stärker). Grund dafür war die noch zu schwache Muskulatur. Nach cirka zwei Monaten musste ich das Training völlig abbrechen (machte eine zweimonatige Pause – Behandlung durch einen Orthopäden / Ultraschall und Reizstrom). Danach habe ich das Training wieder aufgenommen, obwohl meine Knie nie wirklich ausgeheilt waren. Ab dem Sommer 2000 war ich dann auch relativ infektanfällig und ich fühlte mich nicht mehr wirklich gesund. Möglicher Grund könnte ein Übertraining sein. Mein Puls war ständig zu hoch, ich trainierte jedoch weiter und bestritt auch noch einige Wettkämpfe. Ab dem Herbst kam dann auch noch das Problem mit der Achillessehne hinzu, allerdings nur links (fühlt sich extrem verkürzt an und ständiges Zucken der Wade). Ich habe ungefähr einmal in der Woche Müdigkeitsanfälle mit Ohren-, Genick-, Kiefer-, und Halsschmerzen. Im Februar 2001 wurde bei einer Blutabnahme eine Chlamydia pneumoniae-Infektion festgestellt. Alle anderen Blutwerte dürften in Ordnung sein. Als Therapie bekam ich 14 Tage Antibiotikum (Vibramycin). Allerdings wurden meine Beschwerden nicht besser. Die Werte pneumoniae IgA-AK und pneumoniae IgG-AK sind immer noch positiv. Ich war schon bei einigen Ärzten (zwei Orthopäden, HNO, Sportfacharzt, Rheumaabteilung-KH und vier Tage auf der Internen). Ein Kieferröntgen hat auch nichts ergeben. Leider vertrösten mich immer alle nur mit Abwarten – das gibt sich von alleine. Ich persönlich glaube aber, dass diese Müdigkeitsanfälle und die Beschwerden mit den Knien und Achillessehne zusammenhängen und zur Zeit chronisch sind. Meine Knie schmerzen, auch wenn ich nur Sit-Ups oder Liegestütze mache. Es ist mir klar, dass ich voriges Jahr einige Monate, obwohl ich mich nicht wirklich gesund gefühlt habe, weiter trainiert habe und das wahrscheinlich die Ursache für meine derzeitige Lage ist. Ich trainiere nun schon seit längerer Zeit nicht mehr und fühle mich allgemein nicht wohl. Vielleicht können Sie mir sagen, um was es sich bei mir handeln könnte. Hr. C. A.

Antwort von Dr. Andreas Dallamassl
Ihre Beschwerdesymptomatik ist äußerst komplex und ohne das Vorliegen konkreter Befunde nur auf Verdacht hin zu beurteilen. Offensichtlich kam es durch Ihre Sprunggelenksfraktur zu einer nachhaltigen negativen Beeinflussung Ihres Bewegungsapparates, die bis zum heutigen Tag nicht zufriedenstellend behoben werden konnte. Eine genaue Bestandsaufnahme und die nachfolgende Erstellung eines physiotherapeutischen Behandlungsplanes sollte zumindest die orthopädische Belastbarkeit Ihres Bewegungsapparates mechanisch grundsätzlich wieder herstellen. Ihre sonstigen Beschwerden, welche schon von vielen Ärzten ohne pathologische Befunde abgeklärt wurden, erwecken in mir den Verdacht, dass Sie unter einem chronischen Erschöpfungssyndrom leiden. Das Chronische Erschöpfungssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome) ist durch eine lähmende geistige und körperliche Erschöpfung und weitere, individuell unterschiedliche Symptome charakterisiert. Die Erschöpfung muß zur Diagnosesicherung mindestens sechs Monate andauern und zu einer starken Leistungseinschränkung gegenüber früheren Zeiten führen. Zum Krankheitsbild gehören Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Schlafstörungen, schmerzhafte und geschwollene Lymphknoten, Nervenzuckungen und Kribbeln im Körper, Depressionen, Ohrgeräusche, Sehstörungen, leicht erhöhte Körpertemperatur sowie eine anhaltende Verschlechterung des Zustandes nach Anstrengung und vieles mehr. Bei der Mehrzahl der Erkrankten entwickelt sich die Krankheit schlagartig nach einem bestimmten Ereignis - in Ihrem Falle möglicherweise die Sprunggelenksfraktur oder die Chlamydieninfektion. Andere berichten von einer schleichenden Verschlechterung ihres Allgemeinzustandes. Die Beschwerden können über Jahre hinweg anhalten. Ursachen und Krankheitsmechanismen sind bis heute nicht bekannt. Funktionsstörungen des Immunsystems, Viren, Bakterien, hormonelle Störungen, Pilze, psychische Faktoren, anhaltender Streß oder Umweltgifte werden als Auslöser diskutiert. Eine allgemeine Therapieempfehlung kann nicht gegeben werden. Welche Medikamente das Krankheitsbild bessern können, ist umstritten. Je nach individueller Ausprägung des Krankheitsbildes können der Ausgleich von Mangelzuständen, die Behandlung chronischer Infektionen, Ernährungsumstellung, Physiotherapie und auch psychotherapeutische Unterstützung hilfreich sein. Am wichtigsten erscheint die individuelle geduldige symptomorientierte Begleitung des Patienten, der mit seinen Beschwerden unbedingt ernst genommen werden muß, was manchen Ärzten mangels krankhafter Befunde möglicherweise etwas schwer fällt.


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