Schichtdienst und Laufen

Frage
Ich (m) bin beruflich im Büro mit geregelter Arbeitszeit tätig. Das erlaubt mir, meine Trainingszeiten regelmäßig zu gestalten. Ich beabsichtige nun für ca. zehn Jahre in den Schichtdienst zu wechseln, befürchte aber nun, dass meine Laufleistung stark abfallen wird. Deshalb meine Frage: Ist Marathon und Schichtdienst Raubbau für den Körper, oder kann man sich bei kluger Einhaltung z. B. von Regenerationszeiten und Schlaf, Gesundheit und Trainingsstandard genauso erhalten, wie im Rahmen eines geregelten Arbeitslebens? (Hr. F. K.)

Antwort von Dr. Andreas Dallamassl
Beim Ausüben eines Schichtdienstes mit regelmäßiger Arbeit in der Nacht kommt es besonders durch den ständigen Wechsel des Schlaf-Wach-Zyklus zu Belastungen des menschlichen Körpers, was durch anpassungsbedingte Störung der Schlafqualität verursacht ist. Wenn die Schichten in der Reihenfolge Früh-, Spät-, Nacht-, Frühschicht usw. aufeinanderfolgen, spricht man von ”Vorwärtswechsel”, die umgekehrte Abfolge wird ”Rückwärtswechsel” genannt. Arbeitsmedizinische Studien zeigen nun, dass Menschen mit kontinuierlichem Schichtdienst den ”Vorwärtswechsel” besser tolerieren und angenehmer empfinden als den ”Rückwärtswechsel”. Analoge Erfahrungen gibt es im Zusammenhang mit Zeitzonenflügen, bei denen nach Flügen in westlicher Richtung (entspricht Vorwärtswechsel) eine schnellere Anpassung der biologischen Tagesrhythmik gefunden wurde als nach Flügen in östlicher Richtung.

Bei der Schichtplangestaltung sollte also einem ”Vorwärtswechsel” der Vorzug gegeben werden; weiters haben sich ”geblockte” Wochenendfreizeiten für die Regeneration als günstiger erwiesen als einzelne freie Tage am Wochenende. Auch sollte auf eine längerfristige Planbarkeit der Freizeit von Ihrer Seite Wert gelegt werden, damit die Trainings- und Wettkampfplanung nicht immer wieder verändert werden muß. Neben dem Schlaf-Wach-Rhythmus werden auch andere sich entsprechend dem Biorhythmus ändernde Körperfunktionen, wie z. B. Körpertemperatur, endogene Cortisolausschüttung, etc., durch Ausüben eines Schichtdienstes aus dem Gleichgewicht gebracht. Man spricht hier von einer Desynchronisation der Biorhythmen. Diese Desynchronisation wirkt sich nun auf den menschlichen Organismus auf die verschiedenste Art und Weise aus und führt zu körperlichen Symptomen wie chronischer Müdigkeit, Leistungsabfall, erhöhtes Pulsniveau, Schlafstörungen. ...

Die individuelle Reaktion auf solch eine Desynchronisation der Biorhythmen ist sehr unterschiedlich ausgeprägt und kann auch im Laufe der Zeit starke anpassungsbedingte Veränderungen zeigen, sodass hier schwer Vorhersagen getroffen werden können. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Schichtarbeit eine Belastung für den menschlichen Körper darstellt, welche sich auf ein leistungsorientiertes Lauftraining negativ auswirken kann. Durch entsprechende Gestaltung des zeitlichen Ablaufes des Schichtdienstes und durch das Herbeiführen von möglichst optimalen Schlafbedingungen (Ruhe, Abdunkelung) kann ein Teil der negativen Einflüsse gemildert werden. Die individuelle Reaktion auf die Desynchronisation der Biorhythmen muß sehr genau und sorgfältig im Einzelfall registriert werden und durch entsprechende Maßnahmen im Training wie in der Regeneration kompensiert werden. Falls Ihnen das gelingt und Sie auf Warnsignale Ihres Körpers hören und Sie die regenerativen Maßnamen nicht vernachlässigen, dann müßte sich Ihr Leistungsniveau im wesentlichen halten lassen, wie es auch einige nationale Klasseläufer beweisen, welche trotz Ausübung eines Schichtdienstes immer wieder hervorragende Laufleistungen erbringen.


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