Richtiges Lauftraining für Kinder?

Frage
Meine jüngste Tochter (9) nahm in den letzten Monaten an einigen Kinderläufen (max. 1,5 km) teil und erreichte hiebei sehr gute Platzierungen. Seit einigen Wochen geht sie mit mir (Hobbyläufer) einmal in der Woche zu einem Langsamlauftreff und läuft ohne Pause locker eine Stunde durch. Da sie längere Strecken viel lieber als Kurzstrecken läuft und sehr begeistert ist, versuchte ich bereits 15 km-Strecken (hauptsächlich auf Waldboden) mit ihr zu laufen. Selbstverständlich verwendet sie Laufschuhe und macht nach dem Laufen Dehnübungen. Da sie jedoch noch längere Trainingsstrecken laufen möchte und Ambitionen auf eine Teilnahme an einem Halbmarathon hat, frage ich mich, ob diese Strecken für ihr Alter geeignet sind oder nicht, bzw. wie ein ideales Lauftraining für sie aussehen sollte und welche zusätzlichen Ausgleichssportarten ideal wären? Zur Zeit geht sie reiten, voltigieren und schwimmen, im Winter Schi fahren und Eis laufen, außerdem gelegentlich Ballspiele. Hr. W. F.

Antwort von Mag. Wilhelm Lilge
In älteren Laufbüchern und von - nicht laufenden - Ärzten werden Sie wahrscheinlich lesen und hören: "Um Gottes willen, ein Kind darf doch nicht so lange laufen, was da alles passieren kann!" Früher warnte man vor vorzeitigen Abnützungen von den noch weichen Knochen und den Problemen mit den nicht geschlossenen Wachstumsfugen. Heute muss man doch eher sehen, dass die meisten tatsächlichen gesundheitlichen Probleme auch bei Kindern aufgrund von Bewegungsmangel entstehen und nicht von zuviel Bewegung. Viele Läufer haben Beschwerden mit Sehnen, etc., weil sie den Körper eben nicht bereits während der Jugend schön langsam an die Belastungen des Laufens gewöhnt haben.

Ihren Angaben ist zu entnehmen, dass Sie Ihre Tochter nicht zu langen Dauerläufen zwingen, sondern dass sie gerne eine Stunde läuft; für viele Erwachsene unvorstellbar. Nicht zuletzt aufgrund des bei Kindern geringen Körpergewichts stellen deshalb auch längere Dauerläufe ab und zu kein Problem dar, wenn es den Kindern Spaß macht und sie nicht übertreiben. Wenn Ihre Tochter einmal bei einem Halbmarathon teilnehmen möchte, ist das ganz in Ordnung, nur sollte das Training eben nicht auf diese lange Strecke hin ausgerichtet werden. Versuchen Sie auch abzuschätzen, ob Ihre Tochter nicht beim Wettkampf hinterherlaufen wird oder doch nicht durchlaufen kann, weil ihr das längerfristig die Freude am Sport nehmen könnte.

Wichtig ist natürlich, eine Einseitigkeit zu vermeiden. Von Seiten des Ausdauertrainings sollten unbedingt Belastungsreserven bleiben und man sollte schon berücksichtigen, dass die Ausdauer in späteren Jahren noch gut entwickelt werden kann, während Schnelligkeit und Koordination in jungen Jahren am besten trainierbar sind. Zuviel Ausdauertraining lässt keine optimale Ausbildung der anderen konditionellen Grundeigenschaften zu. Darüber hinaus sollte die Ausdauer kindgerecht, d. h. vielseitig, spielerisch, aufgabenorientiert und variantenreich geschult werden. Dem Alter entsprechend sollte Ihre 9-jährige Tochter nicht mehr als 1-2 Stunden Ausdauer pro Woche "trainieren", wobei natürlich auch Rad fahren, Inline-Skaten, Schwimmen, etc. zu zählen sind. Als Ausgleich eignen sich alle Ballspiele (z. B. Basketball) und die von Ihnen angeführten Sportarten. Am wichtigsten ist es natürlich, die Freude an der Bewegung und am Sport zu erhalten.



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