Bleibt die anaerobe Schwelle immer konstant?

Frage
Ich habe letztes Jahr einen Belastungstest (inkl. Lactatauswertung) durchgeführt und habe demzufolge einen anaeroben Schwellenwert bei Puls 174. Nachdem ich dieses Jahr ein umfangreiches Lauftraining hinter mir habe (sowie 24 Stunden Wörschach als Einzelläufer) würde mich interessieren, ob diese anaerobe Schwelle eine individuelle altersbezogene Konstante ist, oder ob sich diese im Zuge einer Trainingsphase anpasst - und wenn ja, in welche Richtung - hängt dies von der Art des Trainings ab? Hr. R. S.

Antwort von Mag. Wilhelm Lilge
Ihre Frage ist in der Tat sehr interessant. Prinzipiell gibt es bei Dauerbelastungen eine relativ stabile Zuordnung von Laktatkonzentration zu Herzfrequenz. Das heißt, wenn Sie wieder einen derartigen Test machen lassen, wird Ihre anaerobe Schwelle (ANS, bzw. 4 mmol/l Laktatkonzentration) wieder in der Nähe von 174 Schlägen liegen – plus/minus drei Schläge. Auf dieser weitgehend fixen Zuordnung beruht letztendlich die Intensitätssteuerung der Dauerläufe über die Herzfrequenz. Wenn Sie z. B. einen schnellen Dauerlauf mit einer Herzfrequenz von 160 - 165 durchführen, können Sie davon ausgehen, dass die Laktatkonzentration immer unter 4 mmol/l, also im aeroben Bereich, liegt. Das, was sich durch Training ändern sollte, ist die Geschwindigkeit bei einer bestimmten Herzfrequenz. Oder, anders ausgedrückt, eine Leistungssteigerung zeigt sich auch daran, dass Sie bei einem bestimmten Tempo irgendwann eine signifikant niedrigere Herzfrequenz haben. Dies bedeutet eine verbesserte Ökonomisierung im Bereich des Herz-Kreislaufsystems.

Durch ein relativ einseitiges Training kann sich diese Relation aber doch verschieben. Bei einem hohen Anteil von intensiven Trainingsformen (z. B. Intervalltraining) reagiert der Herzmuskel sehr gut mit einer Anpassung, das heißt die Herzfrequenzen werden niedriger, während stoffwechselseitig in der Muskulatur die Anpassungen nicht so ausgeprägt ausfallen. Wenn Sie fast ausschließlich Dauerläufe im extensiven Bereich trainieren (unter 85% der maximalen Herzfrequenz), so erreichen Sie vor allem Anpassungserscheinungen in der Muskulatur, das heißt die Laktatkonzentration wird geringer, während der Herzmuskel weniger reagiert.

Pro Lebensjahr werden die maximale Herzfrequenz und auch die Herzfrequenz an der anaeroben Schwelle im Durchschnitt um einen Schlag niedriger. Allerdings geht diese Veränderung nicht linear, sondern eher wellenförmig vor sich. Die Erfahrung hat darüber hinaus gezeigt, dass bei Sportlern, die oft zu Leistungstests kommen, die Herzfrequenzen an der anaeroben und an der aeroben (= 2 mmol/l) Schwelle dann immer relativ hoch liegen, wenn die Topform erreicht ist. Bei Laufanfängern sieht man diesen Effekt ganz deutlich: liegt z. B. am Anfang die anaerobe Schwelle bei 160 und die aerobe Schwelle bei 140, so können diese Werte ein Jahr später z. B. bei 170, bzw. 155 liegen – und das bei nahezu gleichgebliebener maximaler Herzfrequenz. Anders ausgedrückt: je näher die Schwellen-Herzfrequenzen bei der maximalen Herzfrequenz liegen, um so besser ist die aerobe Ausdauer. Das ist schließlich auch ein Zeichen dafür, dass die durch Training stark veränderbare Leistung an der anaeroben Schwelle näher an der (weniger trainierbaren) Leistung mit der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max) liegt. Der wenig Trainierte erreicht seine ANS vielleicht bereits bei 60% der VO2max, der Spitzensportler aber bei 80%, oder gar etwas über 90%.

Abgesehen von diesen Faktoren kann die Beziehung Laktat-Herzfrequenz auch z. B. durch extreme Temperatureinflüsse verschoben sein. Während der schwülen Hitze im vergangenen August war der Puls vieler Läufer bei gleicher Anstrengung um 10 – 15 Schläge höher, als bei normalen Bedingungen. Bei extremer Kälte ist hingegen der Puls niedriger, da der Aufwand zur Kühlung (gesteigerte Durchblutung der Haut) weitgehend wegfällt. Wenn Sie allerdings (ohne Kälte) immer wieder Probleme haben, den Puls in die Höhe zu bringen, so liegt die Ursache meist in einer hohen muskulären Ermüdung, durch eine Entleerung der Glykogenspeicher oder in einer allgemein vernachlässigten Regeneration. Die Herzfrequenz ist also zwar ein sehr guter Parameter zur Objektivierung der Intensitätssteuerung, allerdings sollten das Gefühl (das subjektive Belastungsempfinden) und die Rahmenbedingungen nie außer Acht gelassen werden.


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