Neue wissenschaftliche Erkenntnisse?

Frage
In der Extraausgabe des Sportmagazins für den VCM wird behauptet, dass sich nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge schnellere Dauerläufe (unter der 4 mmol-Grenze/aerobe Kohlehydratverbrennung) nicht negativ auf den Fettstoffwechsel auswirken, sondern nur, wenn man durch zu viele intensive Einheiten eine Überlastung erzielt. Eine solche Überlastung kann vermieden werden, indem nur eine intensive Belastung pro Woche in den Trainingplan aufgenommen wird. Es fehlt in diesem Artikel jedoch eine Angabe darüber, welche Dauerlaufarten intensiv bzw. extensiv sind: Langer, ruhiger Dauerlauf – ca. 1,5 mmol; leichter Dauerlauf – ca. 1,7 - 2 mmol; mittlerer Dauerlauf: 2 - 2,5 mmol; Tempodauerlauf: 2,5 - 4 mmol. Zählt der mittlere Dauerlauf auch schon als intensive Belastung? In wie weit stimmt die Aussage überhaupt, dass intensive Läufe die aerobe Basis nicht angreifen? Hr. W. G.

Antwort von Mag. Wilhelm Lilge
Wenn Aussagen zu sportlichen Fragenstellungen mit den Worten "Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen ..." eingeleitet werden, werden Sie sicherlich nichts Neues finden. Wie "stabil" die Leistungsfähigkeit im Bereich des Fettstoffwechsels ist, wird individuell höchst unterschiedlich sein. Entscheidend sind vor allem die Anteile der einzelnen Intensitätsbereiche. Belastungen an der anaeroben (4 mmol) Schwelle und darüber sollten beim Marathonläufer höchstens 5 % (im mehrwöchigen Durchschnitt) des zeitlichen Trainingsumfanges ausmachen. Aber auch ein zu großer Anteil im Bereich des aeroben Kohlenhydratstoffwechsels (v. a. 2 – 4 mmol) ist durchaus problematisch hinsichtlich der gewünschten Ökonomisierungseffekte im Fettstoffwechselbereich. Für den Marathonläufer sind gerade mal 15 – 25 % des Umfanges in diesem Bereich über längere Zeit vertretbar. Längere Dauerläufe mit 2 – 2,5 mmol müssen eigentlich zu den intensiven Belastungen gezählt werden, da diese (beim guten Marathonläufer) immerhin eine Trainingseinheit im Bereich des Marathontempos darstellen. Beim Mittelstreckenläufer sieht dies natürlich anders aus. Am ehesten kann der Fettstoffwechsel durch gleichzeitig längere und intensive Dauerläufe (Tempodauerläufe, aber auch zu häufige kurze Wettkämpfe) beeinträchtigt werden, weil es hier zu einer zunehmenden Laktatakkumulation über eine längere Zeitspanne kommt. Ein extensives Intervalltraining (z. B. 10 x 1.000 m) im 4 – 6 mmol-Bereich mit entsprechenden Pausen ist weniger riskant. Pauschalangaben wie ”eine intensive Einheit pro Woche” sollen für wen gelten? Spitzensportler? Hobbyläufer? Bei welcher Trainingshäufigkeit insgesamt? Mittlere und schnelle Dauerläufe (sofern noch im Stoffwechselgleichgewicht) werden zwar kaum die ”aerobe Basis” angreifen, aber für den Marathonläufer ist der wichtigste Bereich der Fettstoffwechsel-Teil der aeroben Ausdauer und der kann sehr wohl beeinträchtigt, bzw. entsprechend zu wenig trainiert werden.


zurück »